Kamenz, Vermischtes

80, 90, 100? Offenbar ein Fall von Animal Hoarding

von Monika Lenz – 11.10.2009

Ausdauerndes, minutenlanges Bellen schallt aus dem Gebäude. Es wirkt unbewohnt. Der Briefkasten quillt über, der Inhalt liegt zum Teil im Gras. Durchweicht vom Regen. Im Hof steht ein noch originalverpacktes Gerät, vielleicht ein Kühlschrank, ein paar Meter weiter eine ebenfalls originalverpackte Waschmaschine, ebenso eingeschweißte Matratzen. Dazwischen laufen etwa 25 Jack Russel Terrier herum.

Uhyst. Wie viele dieser Hunde Ulrike S. in Uhyst inzwischen hat ist unklar. Offenbar weiß sie es selbst nicht. „Soviel wie Sie meinen“, sagt sie auf die entsprechende Frage. Nachbarin Brigitte Rabe vermutet mindestens 100. Es habe wieder Nachwuchs gegeben. Und das obwohl Ulrike S. eigentlich die Zahl der Hunde reduzieren sollte. Das zumindest war die Auflage des Landratsamtes. Bis Mitte Oktober sollten es nur noch 20 sein.

Ulrike S. ist offenbar völlig überfordert mit ihren Hunden, die sich fast alle während des Regens gerade ins Haus zurückgezogen haben. Durchweichte Decken, Sofas und Matratzen mögen die Terrier nicht.

Ulrike S. ist offenbar völlig überfordert mit ihren Hunden, die sich fast alle während des Regens gerade ins Haus zurückgezogen haben. Durchweichte Decken, Sofas und Matratzen mögen die Terrier nicht.

Passiert ist bisher wenig bis nichts. „Drei Hunde hat sie nach Auschkowitz gegeben, der Rest lebt immer noch hier“, meint Brigitte Rabe. Zum Glück sei der Sommer nun vorbei. „Sie hat zwar die Hundehaufen entfernt, aber die Pfützen kann sie nicht entfernen. Das hat heftig gestunken“, erzählt Brigitte Rabe.

Vor sechs Jahren ist Ulrike S. nach Uhyst gezogen, damals mit etwa sieben Hunden. Heute scheint sie ein klassischer Fall von Animal Hoarding zu sein. Der englische Begriff kann mit Tiersammel-Sucht oder Tierhorten übersetzt werden. Es beschreibt ein Krankheitsbild, bei dem Menschen Tiere in einer großen Anzahl halten, sie aber nicht mehr angemessen versorgen. Es fehlt unter anderem an tierärztlicher Betreuung. Der Halter ist aber nicht oder nur eingeschränkt in der Lage zu erkennen, dass es den Tieren in seiner Obhut schlecht geht.

Züchterin oder Animal Hoarder

Ulrike S. selbst bezeichnet sich als Züchterin. Die mit Hundehaaren übersäte Kleidung zeugt von engem Kontakt zu den Tieren. Ob es ihnen gut geht, ist für einen Laien schwer zu erkennen. Sie wirken nicht unterernährt, wenn auch durchweg sehr klein für die Rasse. Einige haben trübe und leicht entzündete Augen, andere frieren sichtlich bei den herbstlichen Temperaturen. Hin und wieder stürzt sich eine Gruppe von fünf Tieren auf ein schwächeres, jagt es in die Enge unter den Müllcontainer und bellt es drohend an.

Tatsächlich haben die Nachbarn schon selbst beobachtet, wie Tiere totgebissen wurden. „Die Postfrau sagte, da zerfleischen sich zweie. Dann seh´ ich auf einmal zwei Rudel und bin rüber gegangen“, erzählte Steffi Rabe bereits im Sommer. „20 Hunde auf den einen, 20 auf den anderen, das Blut spritzte. Ich hab gerufen, aber es kam keiner. Es hat bestimmt 15 Minuten gedauert, bis sie kam, in die Meute reingegriffen und den toten Hund weggetragen hat.“

In einem Fall eilten ihr die Nachbarn zu Hilfe. „Sie schrie Hilfe, wir rannten hin, da war sie unter lauter Hunden begraben“, erzählt Brigitte Rabe. „Wir haben die dann beiseite gezogen und die Frau vorgeholt.“ Damals war das Grundstück noch nicht eingezäunt. Heute ist es durchgehend dicht. Gespräche mit Ulrike S. sind nur durch den Zaun hinweg möglich. Lediglich das Veterinäramt ließ sie im Sommer hinein, versteckte sich anschließend aber im Haus. „Die kamen nicht mehr raus aus dem Grundstück“, erzählt Brigitte Rabe. „Zwei sind dann drüber geklettert, aber der Dritte war nicht so sportlich, der hat ewig nach einem anderen Ausweg gesucht“, erinnert sie sich.

Tiere leiden unter der Krankheit des Besitzers

Amerikanischen Studien zufolge – nur dort wird die Krankheit bisher wissenschaftlich untersucht – sind 76 Prozent aller Animal Hoarder Frauen. 60 Prozent nehmen das Problem überhaupt nicht wahr. Nicht nur ein Problem, das die Tiersammler haben. Vor allem die Tiere sind betroffen. In fast allen Fällen sind laut Tierschutzbund Rettungsaktionen dringend nötig. Im aktuellen Fall in Uhyst hat Nachbar Peter Rabe bereits im August von merkwürdigen Plastesäcken im Stall erzählt. Darin waren tote Hunde.

Hilfe? Die brauche sie wohl, meint Ulrike S. Allerdings denkt sie dabei eher an jemand, der ihr hilft, die neue Waschmaschine ins Haus zu tragen, die laut Rabes bereits ein halbes Jahr auf dem Hof steht. Auf die Frage, wie sie den Winter in der Ruine, die sich Haus nennt, überstehen wolle, reagiert sie schnippisch. „Das geht Sie ja wohl nichts an“, meint sie. Dann stapft sie durch den Matsch auf dem Hof zurück in einen Anbau, in dem ein kleines Licht brennt. Ein paar Hunde folgen ihr.

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