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Wolfsgerüchte: Von Hybriden und „schießwütigen Idioten“

von Tobias Schilling – 8.03.2009

Wie das Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz jetzt mitteilte, wurde eine Ende Januar bei Reichwalde tot aufgefundene Wölfin Opfer einer Schussverletzung. Der Fall zeigt: Um die Lausitzer Wölfe ist noch lange keine Ruhe eingekehrt, erstmals wurde jetzt auch in Sachsen zur Waffe gegriffen. Neben den bekannten Fakten kursieren zudem auch einige verrückte Gerüchte rund um den geschützten Jäger.

Landkreis. Die getötete Wölfin aus dem Nochtener Rudel schied nicht gleich nach der Berührung mit der bleihaltigen Kugel dahin. Laut einem Gutachten des Instituts für Zoo- und Wildtierforschung Berlin zerfetzte das Geschoss nicht nur den Darm des Tieres sondern auch die Leber und andere innere Organe. Die Wölfin starb schließlich an den Folgen einer Blutvergiftung, nachdem Darminhalt in die Bauchhöhle gelangt war. Ein sehr qualvoller Tod.

Eindeutig zwei Hybriden: Diese zwei Tiere waren das Ergebnis, als sich vor einigen Jahren eine Wölfin mit einem Haushund einließ. Copyright: Sebastian Körner

Eindeutig zwei Hybriden: Diese zwei Tiere waren das Ergebnis, als sich vor einigen Jahren eine Wölfin mit einem Haushund einließ. Copyright: Sebastian Körner

Anders als die beiden von einem Zug und einem Auto getöteten Wölfe, die ebenfalls im Januar aufgefunden wurden, darunter auch eine Schwester der geschossenen Wölfin, liegt hier der Verdacht nahe, dass die Wölfin gezielt abgeschossen wurde. An Spekulationen über Täter und Motiv will sich Jana Schellenberg vom Kontaktbüro „Wolfsregion Lausitz” allerdings nicht beteiligen.

Die erlegte Wölfin – sie ist bereits im Dezember 2008 angeschossen worden – zeigt einmal mehr, dass sich Wolfsgegner und Wolfsbefürworter in der Lausitz keinen Zentimeter näher gekommen sind. Gesa Kluth, Jana Schellenberg und Ilka Reinhardt – die „Wolfsfrauen“ vom Kontaktbüro in Rietschen und dem Wildbiologischen Büro Lupus in Spreewitz – wiederholen fast gebetsmühlenartig, dass der Wolf für den Menschen keine Gefahr darstellt – es sei denn er ist an den Menschen gewöhnt worden oder tollwütig –, dass es derzeit keine Anhaltspunkte für einen Problemwolf in der Lausitz gibt, dass geringe Nutztierschäden durchaus normal sind und entschädigt werden, dass mit entsprechenden Schutzmaßnahmen Nutztiere vor Wolfsangriffen gut geschützt werden können.

Ihre Gegner – dazu zählen unter anderem die Bürgerinitiative „Sicher Leben Unter Wölfen“ aus Halbendorf und der Verein „Sicherheit und Artenschutz“ des Großdubrauers Christian Lissina – werden nicht müde zu betonen, dass man Angst vor dem Wolf habe, dass der bestimmt auch kleine Kinder fresse, wenn nicht abgeschossen, dann wenigstens mit Gummigeschossen von der Ortschaften vertrieben gehöre und letztlich doch von der Regierung und den Wolfsfrauen vom bösen Jäger, zum possierlichen Knuddeltier verniedlicht werde.

Sind die Wölfe auch Wölfe?

Der Kampf zwischen den beiden Fronten wird dabei stets öffentlichkeitswirksam geführt, gegenseitige Schuldzuweisungen und Gegentheorien zu den tatsächlichen und vermeintlichen Befunden der Gegenseite finden sich in einer gewissen Regelmäßigkeit in den Zeitungen. Die Wolfsgegner zum Beispiel vertreten die Ansicht, dass die Lausitzer Wölfe gar keine Wölfe sind, sondern Wolfshybriden, die einer Verpaarung zwischen Wolf und Hund entsprangen.

Diese These wird unter anderem von zwei Finnen postuliert, auf die sich etwa der Verein „Sicherheit und Artenschutz“ beruft: Magnus Hagelstam (62) und Eirik Granqvist (64), die sich im Jahr 2007 auf Einladung des Vereins in die Lausitz begaben. Was sie dort sahen, finden beide bis heute unglaublich: „Die Wölfe in der Lausitz sind nie und nimmer Wölfe“, meint Hagelstam. „Das erkennt jeder Trottel.“ Vielmehr seien es Wolfshybriden, erklärt Granqvist, der frühere Direktor des Evolutionsmuseums im französischen Rousson/Frankreich und Chefkonservator des naturhistorischen Museums in Stockholm. Ihre Thesen stützen die Finnen weniger auf die Beobachtungen von lebenden Lausitzer Wölfen sondern auf einen Vergleich von Fotoaufnahmen der Lausitzer Wölfe mit Bildern von Wolfshybriden wie Alisa, einem Laika-Wolfshund, den einst der finnische Raubtierforscher Dr. Erik S. Nyholm (69) als Haustier hielt. Fazit: „Das sind auf keinen Fall Wölfe.“ Auch die Wolfsspuren, die im Kontaktbüro in Rietschen ausgestellt sind, stammen laut Granqvist von Hunden oder Wolfshunden.

Wölfe, Erbe der Sowjets?

Doch woher stammen die Hybriden? Auch hier glaubt Granqvist die Antwort zu kennen: Während der Sowjet-zeit seien solche Hybriden als Grenzpolizeihunde gezüchtet und eingesetzt worden. Im Gegensatz zu normalen Hunden verfügten sie über einen besseren Geruchssinn, seien belastbarer und würden weniger bellen. Granqvist: „Deshalb waren sie zur Verfolgung und Überraschung von illegalen Grenzgängern gut geeignet.“ Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks seien sie einfach in die Freiheit entlassen worden – oder ganz bewusst angesiedelt worden und somit Teil eines seit den 70er Jahren um sich greifenden Umweltfanatismus in Europa. „Wenn in der Lausitz, wie aber auch in Frankreich, Schweden und Finnland geschehen, standorttreue Wölfe gesichtet werden, kann man davon ausgehen, dass Hybriden ausgesetzt wurden, um Wölfe in neuen Gegenden kontrolliert anzusiedeln.“

Wolfshund Alisa: Ein echter Wolf unterscheidet sich laut Eirik Granqvist von Alisa und vom „Lausitzer Wolf“ durch kürzere Ohren, eine kürzere Schnauze undd und einen längeren Körper, der keine abfallende Rückenlinie aufweist. Foto: Eirik Granqvist

Wolfshund Alisa: Ein echter Wolf unterscheidet sich laut Eirik Granqvist von Alisa und vom „Lausitzer Wolf“ durch kürzere Ohren, eine kürzere Schnauze undd und einen längeren Körper, der keine abfallende Rückenlinie aufweist. Foto: Eirik Granqvist

Das Problem: Anders als reinrassige menschenscheue Wölfe gelten Hybriden im Umgang mit dem Menschen als bedenklich. Der Wolf, der gar keiner ist, könnte sich daher zum befürchteten Problemwolf entwickeln. Aufsehen erregten Hagelstam und Granqvist Anfang 2007 als sie öffentlich ankündigten, dass ein Angriff auf Menschen nur noch eine Frage der Zeit und für die nächsten zwei Jahre zu erwarten sei. Ein vom sächsischen Umweltministerium in Auftrag gegebenes Gutachten, das die Reinrassigkeit der Lausitzer Wölfe durch einen DNA-Vergleich mit polnischen Wölfen bestätigte, will Granqvist nicht gelten lassen. „Eine solche Analyse funktioniert nicht, da es keinen Unterschied zwischen der DNA von Hund und Wolf gibt.“

 

Experten, die keine sind

Seine Thesen hatte Granqvist nach seinem Besuch übrigens in ein Gutachten gepackt und an das Wolfsbüro geschickt. Dort war und ist man wenig erbaut über das Engagement der Finnen, deren Ansichten geeignet seien, Ängste in der Bevölkerung zu schüren. Die nach Ansicht der Wolfsfreunde freilich jeder Grundlage entbehrten. „Denn wir hatten bereits einen Hybriden-Fall“, erinnert sich Gesa Kluth. 2003 verpaarte sich die Neustädter Wölfin mit einem Hund. „Von den damals noch vier Wolfshund-Welpen haben wir zwei eingefangen, die übrigen waren plötzlich verschwunden.“ Um den Wolf nicht zu gefährden sei man auf jeden Fall bestrebt, mögliche Hybriden unverzüglich aus der Natur zu entnehmen. „Gerade um Probleme wie zum Beispiel Problemwölfe zu erkennen und andere Probleme wie Wolfs-Hund-Mischlinge zu beseitigen ist das Sächsische Wolfsmanagement doch da“, so Kluth.

Eindeutig ein Wolf, sagen die Wolfsfreunde. Dieser vier Monate alte Welpe wurde im Jahr 2005 auf dem Truppenübungsplatz Nochten fotografiert. Copyright: Sebastian Körner

Eindeutig ein Wolf, sagen die Wolfsfreunde. Dieser vier Monate alte Welpe wurde im Jahr 2005 auf dem Truppenübungsplatz Nochten fotografiert. Copyright: Sebastian Körner

Letztlich habe die DNA-Analyse gezeigt, dass die Lausitzer Wölfe eng mit westpolnischen Wölfen verwandt sind. „Eine DNA-Analyse ist auf jeden Fall aufschlussreich, wenn man nur ausreichend Gen-Material untersucht und dabei bestimmte Gen-Variationen im Blick hat.“ Dann ließen sich „genetische Ähnlichkeiten“ herausfiltern, die letztlich die Existenz von Hybriden ausschließen würden. Kritisch sieht Kluth zudem das angebliche Expertentum, mit dem sich Menschen wie Granqvist und Hagelstam in der Öffentlichkeit schmücken. „Herr Hagelstam ist Informatiker und Herr Granqvist ist als Konservator auch kein richtiger Wolfsexperte“, so Kluth. Sein Gutachten entbehre jeglicher wissenschaftlicher Arbeitsweise und auch bei dem Vergleich der Fotos habe er zwar nicht Äpfel mit Birnen verglichen, aber seine Aussagen auf die Bilder von Wolfswelpen im Sommerfell gestützt, die etwas anders aussähen als ihre erwachsenen finnischen Gefährten im Winterfell. Zwar hat Kluth bereits von einem so genannten „Russenhund“ gehört, der Anfang der 90er Jahre in Brandenburg gesichtet worden sein soll. Dass Wolfshybriden nach der Wende von der Sowjetarmee in großem Stil freigelassen wurden, daran glaubt sie nicht. Und den Brandenburger „Russenhund“, der allerdings kein Wolfshund gewesen sei, „den haben die Jäger dort relativ schnell beseitigt.“

Grau macht Angst

Auch Experten wie der Sömmerdaer Wolfshund-Züchter Torsten Belke weisen die Hybriden-Story ins Reich der Märchen. „Das sieht ein Blinder mit Krückstock, dass das echte Wölfe sind“, so Belke, der selbst den Tschechischen Wolfshund (TWH) züchtet. Unter anderem könnte man an den Spuren, den Ohren, dem Schwanz und auch der Schnauze eindeutig einen Wolf erkennen. Als Wolfshund-Experte habe er auch von Wolfshybriden gehört, die in DDR-Zeiten in Kasernen gehalten wurden. „Allerdings sind die Experimente fehlgeschlagen, es handelte sich auch nicht um eine systematische Zucht, wie sie einst von der tschechischen Armee betrieben wurde.“ Die Tiere in der DDR seien nach der Wende entweder eingeschläfert oder in private Hände abgegeben worden. Bei den Grenztruppen der NVA habe man seines Wissens nach keine Hybriden, sondern Deutsche Schäferhunde eingesetzt. „Allerdings wurden hier Tiere mit grauen Haaren bevorzugt, da dunkle Tiere mehr Furcht verursachen.“ Etwas zu viel Angst haben nach Belkes Ansicht die Wolfsfreunde in der Lausitz vor den Jägern. „Sie lassen sich durch diese schießwütigen Idioten zu sehr in die Defensive drängen.“

Falsches Spiel der Jäger?

Während sich Kluth und ihre Kolleginnen in der Tat alle Mühe geben, den Spannungen mit den Wolfsgegnern keine neue Nahrung zu geben, drehen andere Wolfsfreunde den Spieß um und streuen jetzt ihrerseits Vermutungen über die Gegenseite. Aktuell sind es die Jäger, die für den Tod der erschossenen Wölfin verantwortlich gemacht werden. Schließlich konnten im Kadaver Spuren von Bleimunition nachgewiesen werden. Jäger verwenden bleihaltige Munition. Aus diesem Grund wurde von verschiedenen Seiten auch Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt.

Eindeutig ein Hybrid: Der Wolfshund Alisa des finnischen Forschers Dr. Erik S. Nyholm (69) sehen die Wolfsgegner als Beweis für ihre These von den Hybriden in der Lausitz an. Foto: Eirik Granqvist

Eindeutig ein Hybrid: Der Wolfshund Alisa des finnischen Forschers Dr. Erik S. Nyholm (69) sehen die Wolfsgegner als Beweis für ihre These von den Hybriden in der Lausitz an. Foto: Eirik Granqvist

Eine andere Vermutung, die die Wolfsfreunde jedoch für sehr wahr halten, dreht sich um den Wolfswelpen, der im vergangenen September blind und mit kaputter Vorderpfote in Wittichenau auftauchte und für großen Wirbel sorgte. Das gut vier Monate alte Tier, so mutmaßen Wolfsfreunde, könnte kurz nach der Geburt von Jägern eingefangen worden und in Gefangenschaft aufgewachsen sein. „Es war bekannt, dass der Wolfsmanager im Juni im westlichen Gebiet der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft Welpen entdeckt hatte“, berichtet ein Wolfsfreund, der freilich anonym bleiben möchte. Dass der Wolf – blind und hinkend – die mindestens 15 Kilometer vom Milkeler Rudel nach Wittichenau zurücklegt, sei fast auszuschließen.

Viele Wolfsfreunde vermuten daher, dass ein Jäger den Wolf selbst ausgesetzt hat, um Unruhe zu stiften. „Dabei hat man auch in Kauf genommen, dass ein an Menschen gewöhnter Wolf gefährlich werden könnte.“ Denn auch ein blinder Wolf gehe nicht normalerweise in einer Art und Weise auf Menschen zu, wie es in Wittichenau der Fall war. Kurz gesagt: Um ihre These vom unausweichlichen Wolfsangriff auf Menschen innerhalb von zwei Jahren zur Wahrheit zu verhelfen, hätten die Jäger selbst nachgeholfen. Der Wolfswelpe wurde inzwischen eingeschläfert, der Angriff eines Wolfes auf Menschen wie ihn die Wolfsgegner bis Ende 2008 prophezeit hatten, sei ausgeblieben, frohlocken die Wolfsfreunde.

Internetseite des Wolfsbüros
www.wolfsregion-lausitz.de

Expertenseite über Wolfshunde
www.wolfshunde-wolfhunde.de

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