Kamenz, Vermischtes

Taugt Sauerbruch noch als Namensgeber für das Großröhrsdorfer Gymnasium?

von Uwe Menschner – 19.04.2009

Wer den Namen Ferdinand Sauerbruch hört, hat unwillkürlich das Bild eines gütig dreinblickenden älteren Herren im Arztkittel vor dem inneren Auge. Als bedeutendster Chirurg seiner Zeit – der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – wurde der 1875 geborene und 1951 verstorbene Mediziner weltberühmt.

Großröhrsdorf. Marburg, Leipzig, Breslau, Berlin und Großröhrsdorf waren die Stationen seines Wirkens. Kein Wunder, dass die Bürger des kleinen ostsächsischen Städtchens stolz darauf sind, auf dieser illustren Liste zu stehen. Was also könnte 1990 näher gelegen haben, als die Schule des Ortes nach Ferdinand Sauerbruch zu benennen?

Der Chemnitzer Historiker Geralf Gemser (rechts), hier mit Schuldirektor Ulrich Schlögel, hat eine Diskussion über den Namensgeber des Großröhrsdorfer Gymnasiums angestoßen.

Der Chemnitzer Historiker Geralf Gemser (rechts), hier mit Schuldirektor Ulrich Schlögel, hat eine Diskussion über den Namensgeber des Großröhrsdorfer Gymnasiums angestoßen.

„In der Zeit des politischen Umbruchs 1989/90 standen wir vor der Frage, welchen Namen unsere Schule künftig tragen soll“, erinnert sich der damalige Schulleiter Eckhard Hennig. Es sollte eine weithin bekannte Persönlichkeit sein, vor allem aber eine Person mit deutlichem Bezug zu Großröhrsdorf. Beides traf auf Ferdinand Sauerbruch in einzigartiger Weise zu – schließlich weilte er oft in Großröhrsdorf, dem Heimatort seiner zweiten Ehefrau Margot geborene Großmann, und arbeitete auch am hiesigen Krankenhaus.

Sein segensreiches Wirken als Arzt ist jedoch nur eine Seite der Persönlichkeit Ferdinand Sauerbruchs. Der Chemnitzer Historiker Geralf Gemser hat in seinem Buch „Unser Namensgeber: Widerstand, Verfolgung und Konformität 1933 bis 1945 im Spiegelbild heutiger Schulnamen“ den Finger auf einen wunden Punkt gelegt – nämlich auf das Verhalten des berühmten Arztes unter dem nationalsozialistischen Regime.

„Bis zu meiner Arbeit an dem Buch wusste ich über Sauerbruch auch nur, dass er ein bedeutender Arzt war“, gibt Geralf Gemser zu. Seine erste „Begegnung“ mit ihm habe einen eher negativen Eindruck hinterlassen – „es ging dabei um ein Bekenntnis deutscher Akademiker zu Adolf Hitler, einen Tag bevor dieser durch den Reichstag seinen Machtanspruch legitimieren ließ.“ Sauerbruch sei nicht nur einer der mehreren hundert Unterzeichner, sondern Mitinitiator und Hauptredner der Veranstaltung gewesen. Seitdem sei immer wieder Sauerbruchs Nähe zum herrschenden Regime – ob durch die Entgegennahme von Auszeichnungen oder die persönliche Freundschaft zu führenden Nationalsozialisten – deutlich geworden.

Die Schulkonferenz soll über eine eventuelle Umbenennung des traditionsreichen Sauerbruch-Gymnasiums entscheiden.

Die Schulkonferenz soll über eine eventuelle Umbenennung des traditionsreichen Sauerbruch-Gymnasiums entscheiden.

Ihren unrühmlichen Höhepunkt habe diese Verbindung in Sauerbruchs Tätigkeit im Deutschen Forschungsrat gefunden – hier habe er sich persönlich für die Bewilligung von Geldern für Menschenversuche an Häftlingen ausgesprochen. Gemsers Fazit: „Sauerbruch war sicher kein Nationalsozialist, doch er ging bereitwillig durch die Türen, die ihm das Regime öffnete.“ Den Umgang der Großröhrsdorfer mit der von ihm angestoßenen Problematik beurteilt Geralf Gemser positiv: „Es findet eine sehr offene und unvoreingenommene Diskussion statt. In anderen Kommunen habe ich da ganz andere Erfahrungen gemacht.“

Ob das Großröhrsdorfer Gymnasium den Namen „Ferdinand Sauerbruch“ behält, entscheidet laut Schulleiter Ulrich Schlögel die Schulkonferenz, der Vertreter der Lehrer, Schüler und Eltern angehören, am 12. Mai. „Wir machen uns die Entscheidung nicht einfach, schließlich hat sich unsere Schule unter diesem Namen in den letzten 19 Jahren einen hervorragenden Ruf erarbeitet.“ Falls die Beschäftigung mit Sauerbruchs Wirken zwischen 1933 und 1945 eine Neubewertung erforderlich macht, werde man sich den Konsequenzen jedoch nicht verschließen.

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  1. Gymnasium behält den Namen Sauerbruch

Ein Kommentar

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.
  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    zu diesem Beitrag über das Ansinnen eines Herrn Gemser möchte ich an Sie einen Kommentar schreiben.

    Vor mir liegt die Biographie von Geheimrat Sauerbruch. Er hat für seine Nachwelt sehr große Leistungen hinterlassen. Außerdem war er Jude wie in Friedrich Wolfs Schauspiel “Prof. Mamlock” ebenfalls, welches in der Reclam-Ausgabe gerade auch vor mir liegt.

    Vergleicht man die Handlung in “Prof. Mamlock” mit dem Ansinnen von Herrn Gemser, findet man viele Gemeinsamkeiten.

    Auf den Punkt gebracht bedeutet das:
    Ein Atheist wie Herr Gemser maßt sich an, über Geheimrat Sauerbruch verächtlich zu reden. Ist das nicht auch Antisemitismus?

    Mich würde einmal interessieren, welche großen Leistungen Herr Gemser für seine Nachwelt positiv bereithält?

    Hier von meinem Großvater ein positives Beispiel:

    http://www.bernd-schubert.de/geschichte/zeitgeschichte-chemnitz.html

    In dem Geiste bin ich auch durch meine Eltern erzogen worden.

    Ich grüße Sie mit Shalom