Bautzen, Bischofswerda, Görlitz, Kamenz, Löbau, Niesky, Vermischtes, Zittau

Neues Gesetz: Halbherzig gegen die Telefon-Abzocke

von Monika Lenz – 10.08.2009

Wer ein Telefon hat, wird terrorisiert. Die Zahl der Firmen, die den Bürgern etwas am Telefon andrehen wollen, wächst. Und die Angerufenen sind die Verlierer. Denn die Gesetzgeber gehen nur halbherzig gegen diese Abzocke vor.

Landkreis. Auch das „Gesetz zur Bekämpfung unerlaubter Telefonwerbung und zur Verbesserung des Verbraucherschutzes bei besonderen Vertriebsformen“ ändert daran nichts. Gerade eben hat es der Bundespräsident Horst Köhler unterzeichnet. In einem Rekordtempo.

Auch wenn das neue Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb in dieser Woche in Kraft getreten ist - noch immer wird es den Unternehmen leicht gemacht, den Bürgern das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Auch wenn das neue Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb in dieser Woche in Kraft getreten ist - noch immer wird es den Unternehmen leicht gemacht, den Bürgern das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Denn: Obwohl der Bundestag es vor einem Jahr verabschiedet hatte, schickte das Kanzleramt das Papier erst vor drei Wochen ins Bundespräsidialamt. Dass es vor September in Kraft tritt galt da noch als unwahrscheinlich. „Solange wird es von Fachkollegen geprüft“, erklärt Steffen Schulze, Sprecher im Präsidialamt.

Geprüft wurde nun wesentlich schneller. Horst Köhler hat es unterzeichnet und damit ist klar: Firmen dürfen nun zum Beispiel nicht mehr mit unterdrückter Telefonnummer anrufen, wenn sie etwas verkaufen wollen.

Am gegenwärtigen Alltag des Abzockens wird das allerdings kaum etwas ändern. Das jedenfalls meint Kerstin Tröger (Name von der Redaktion geändert). Die Bautzenerin hat lange in einem Callcenter gearbeitet, für durchaus seriös geltende Firmen. Sie kennt die Tricks der Branche. „Es nützt nichts, wenn man auflegt“, erzählt sie. „Wenn der Mitarbeiter skrupellos ist, gibt er im System ein, dass der Angerufene dem Vertrag zugestimmt hat. Und dann kommt die Rechnung.“

Tatsächlich habe sie das oft erlebt. Der Druck seitens der Geschäftsführung sei enorm, ständig werde Angst um den Job verbreitet. Wer nicht genügend Abschlüsse vorweisen könne, fliege. „Es gibt welche, die dann einfach im System eingeben, dass der Auftrag ausgelöst wurde. Und dann geht das seinen Gang“, erzählt sie.

Rechnung auch ohne Telefonat mit Vertragsabschluss

Sie selbst habe erlebt, dass ein Mann angerufen habe, weil er plötzlich eine Rechnung bezahlen sollte. „Der hatte nie etwas bekommen, nicht einmal einen Anruf“, erzählt Kerstin Tröger. Sie habe ihn daraufhin gefragt, ob er in letzter Zeit verstärkt Anrufe auf dem Telefon oder Handy angezeigt bekommen habe, ohne Nummernanzeige.

Als er das bestätigte war ihr die Sache klar. „Da saß ein gefrusteter Callcenter-Mitarbeiter. Der hat einfach irgendwann entsprechend getrackt.“ Also als angenommen gespeichert.

Tatsächlich greifen die Callcenter-Mitarbeiter auf einen riesigen Pool an Daten zu. Eingespeist im System bleiben sie dort. So gut wie nie werden sie entfernt. Der Computer wählt über Dialer eine Zufallsnummer an, der Name erscheint daraufhin auf dem Display. So ist die persönliche Ansprache gesichert.

Der Bautzener Tilo Beyer ist inzwischen dazu übergegangen, bei derartigen Anrufen einen anderen Namen anzugeben. Fragen nach Familienmitgliedern oder scheinbaren Mietvorgängern beantwortet er nicht mehr. Diese Taktik kommt in seinem Fall zu spät. Er ist bereits in das dreckige Spiel verwickelt. Aktuell hat er eine Forderung des Inkassounternehmens Proinkasso aus Hanau erhalten. Er soll 133,61 Euro für ein Gewinnspiel zahlen, das er nie gespielt hat.

Absolut unseriös

Absolut unseriös: Der Mandant wird nicht wirklich identifiziert, außer CC Profi steht da nichts. Eine Vollmacht wird nicht vorgelegt, Angaben zur angeblichen Rechnung fehlen auch. Das Inkassounternehmen selbst verfügt zwar über einen professionellen Internetauftritt, nicht aber über eine normale Festnetznummer. Immerhin ist unter der Adresse eine Privatperson verzeichnet, die offenbar mit dem Geschäftsführer Stefan Straßburg verwandt ist. Ans Telefon geht dort allerdings nie jemand.

Einen besseren Draht scheint das Inkassounternehmen allerdings zur Firma CC Profi zu haben, bei der Tilo Beyer angeblich an Gewinnspielen teilgenommen hat. Die Fälle, in denen Proinkasso für CC Profi Geld einfordert, häufen sich derzeit. Die Internetforen sind voll von Betroffenen. Das Inkassounternehmen scheint zudem bei den Verbraucherzentralen bekannt zu sein. Aktuell warnen die Verbraucherschützer in Mecklenburg-Vorpommern vor der Abzocke.

Tilo Beyer hat Strafanzeige gestellt. Ihm reichts. Sein Konto behält er fest im Auge. Damit er schnell zurückbuchen kann, falls jemand abbucht. Seit dem letzten Anrufer, bei dem er sich noch mit richtigem Namen meldete, ist er vorsichtig geworden. Der hatte gemeint: „Wenn Sie nicht zahlen wollen, ist das auch egal. Wir haben ja Ihre Kontonummer, da buchen wir ab.“

Renate Illing hat das Problem nicht. Sie meldete sich von Anfang an unter Meier. Das ersparte ihr entsprechende Post. Anrufern gegenüber, die sie nerven, nimmt sie kein Blatt vor den Mund. „Das ist doch eine Riesensauerei, was hier passiert“, sagt sie. „Da muss man die Leute einfach warnen.“

Verbraucher auf Verliererseite

Tatsächlich ist der Verbraucher in Deutschland derzeit auf der Verliererseite. Denn auch wenn das neue Gesetz mit dem komplizierten Namen unterzeichnet ist, wird es ihn kaum schützen. Nach wie vor dürfen Verträge am Telefon abgeschlossen werden, bedürfen nicht der schriftlichen Form. „Diese Änderung haben wir leider nicht durchsetzen können“, bedauert Renate Janeczek von der sächsischen Verbraucherzentrale.

Die Auswirkungen sind fatal. Selbst, wer nie einen Vertrag abschließt, aber an einen Mitarbeiter gerät, der das einfach ins System eingibt, hat die Scherereien. Reagiert er darauf, kann es passieren, dass er Geld in Telefonate und Briefe steckt, seine Einwände letztlich aber ignoriert werden. Reagiert er nicht, gibt es auch Mahnungen und Forderungen.

Im Fall der Proinkasso, die eher in die Grauzone gehört, ist das Vorgehen noch relativ einfach. Hier kann man den Fall aussitzen, bis man einen gerichtlichen Mahnbescheid erhält. Der geht übrigens automatisch vom Gericht raus, wird nicht juristisch überprüft. Jeder kann ihn erwirken.

Auf diesem Bescheid macht man ein Kreuzchen an der Stelle „Ich widerspreche der Forderung“ und schickt ihn zurück. Jetzt muss die fordernde Firma klagen. „Und das tut sie so gut wie nie“, sagt Marion Schmidt, Anwältin bei der Verbraucherzentrale Leipzig.

Schwieriger wird es bei großen und bekannten Firmen, die auch nicht in jedem Fall seriös vorgehen. Hier sollte man Schmidt zufolge auf jeden Fall Widerspruch einlegen: „Im Streitfall muss die Firma beweisen, dass ein Vertrag abgeschlossen wurde. Zum Beispiel mit Hilfe einer Tonaufnahme.“

Allerdings gibt es auch hier wieder einen Haken: „Oft werden die Leute richtig zugequatscht und zum Schluss gefragt, ob sie abschließen wollen“, erzählt Kerstin Tröger. „Und dann kann es passieren, dass jemand sagt: ‚Ja, schicken Sie mir das halt zu, ich schaue mir das an.‘ Da hat er aber schon ja gesagt.“

Meldung bei Bundesnetzagentur
Wer unerwünschte Gewinnspielanrufe erhält, kann sich an die Bundesnetzagentur wenden. Sie hat allein im Juni 16 Nummern von Anbietern abschalten lassen. Zugleich hat die Bundesnetzagentur entsprechende Rechnungslegungs- und Inkassoverbote ausgesprochen. Allein in den vergangenen zwei Monaten gingen hier laut Pressesprecher Cord Lüdemann mehr als 2.000 Beschwerden ein.

Kontakt zur Bundesnetzagentur
Telefon: (0291)9 95 52 06
E-Mail: rufnummernmissbrauch@bnetza.de
Post: Bundesnetzagentur Nördeltstraße 5, 59872 Meschede oder Bundesnetzagentur, Schütt 13, 67433 Neustadt

Lesen Sie auch:

  1. Verhasst und illegal: Spam an der Scheibe

Ein Kommentar

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.
  1. Halbherzig gegen die Telefon- Abzocke
    Artikel im Oberlausitzer Kurier vom 8.8.2009

    Meine Meinung zum Thema „ Abgezockt“

    Abgezockt wird auch wahrscheinlich ganz offiziell von auch von nahmhaften Versicherungen, was man ja oft genug auch in den Medien gezeigt bekommt.
    Leider geht es mir wahrscheinlich auch so.
    Man schließt einen Vertrag ab wo auf den Vorderseiten das Großgedruckte steht welche Pflichten der Vertragsnehmer hat. Die Deteils sind aber im sogenannten Kleingedruckten. Wer ließt diese sich vollständig vor der Unterzeichnung durch oder läßt sich einen Vertrag gar von einem Rechtskundigen kontrollieren, die aller wenigsten.
    Man vertraut darauf das alles rechtens ist.
    Ich will auch nicht davon ausgehen ,dass der freie Versicherungsvertreter bis ins letzte Deteil kenntnis von dem Kleingedruckten eines Vertrages hat und welche folgen daraus ergeben können. Denn die sind nur die Ausführenden für die Unternehmen.
    Wie sieht es denn mit unseren Milchbauern aus, werden die auch halbherzig abgezockt? Dazu gab es ja schließlich genug Meinungen. Wer von uns Städtern hat noch Ahnung wie viel Arbeit es macht ehe ein Liter Milch oder Milchprodukt im Laden verkauft werden kann?
    Warum müssen Gewerkschaften für Mindestlöhne eintreten?
    Sind Steuern immer gerechtfertigt und was wird daraus gemacht?
    „Finanzkriese“ wieso kann es bei den großen Banken überhaupt so weit kommen? Ist da nicht auch ein Teil so was wie Abzocke dabei!
    In diesem Land gibt es für alle möglichen Dinge im Leben Gesetze die es uns ermöglichen sollten das Leben angenehm zu gestalten. Es gibt „Gesetzeshüter“ in allmöglichen Anwaltsformen und trotzdem gibtes immer wieder Möglichkeiten den kleinen Mann des Volkes auszunehmen.
    Es heißt doch: „ Recht ist nicht immer Gerechtigkeit“, so lange wie solch ein Wortlaut das Leben von uns Menschen bestimmt ist „ Abgezockt“ nur ein Bruchteil des Lebens. Und solange wie es das Kleingedruckte in Verträgen gibt, wo irgendwelche Hintertüren geöffnet werden, wird es auch zu Ungerechtigkeiten in unserem Leben kommen. Heut zu Tage soll ja jeder für sich selbst entscheiden einschließlich dem Kleingedruckten, dass es für Ihm genau das Richtige ist. Wie viele können das überhaupt und haben sofort den Durchblick über solch ein Vertragswerk, sehr wenige.
    Gehe ich dann zu einem Anwalt, der kann dann nur feststellen… . Das große Getriebe von Justitia bewegt sich noch lange nicht.
    Auch derjenige der auf ganz legale Art und Weise solche Geschäftsgebaren genemigt bekommen haben, bekommt vor dem Gesetz Recht.
    Es gibt eigentlich viel mehr Beispiele zum Thema „ Abgezockt“.
    Ich finde jedenfalls solche Artikel in den Medien OK, vielleicht überlegt sich der eine oder andere wie er zur Aufgabenstellung seines Arbeitsgebers steht und welche Einstellung habe ich zu meinen Mitmenschen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Waldemar Ristau

Sagen Sie uns Ihre Meinung:

Hinweis: Ihre Kommentare werden regelmäßig von uns freigeschaltet. Systembedingt können sich Wartezeiten zwischen Einstellen und Freischalten des Kommentars ergeben.

Die Kommentare auf alles-lausitz.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass fair und sachlich debattiert wird.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels oder wo angebracht an Beiträgen anderer Diskussionsteilnehmer ist erwünscht, solange sie sachlich und höflich vorgetragen wird. Persönlichkeitsverletzende und diskriminierende Äusserungen hingegen verstoßen gegen unsere Richtlinien.

Sie werden ebenso nicht freigeschaltet wie Kommentare, die eine sexistische, beleidigende, gewaltverherrlichende oder anstößige Ausdrucksweise verwenden. Auch Beiträge kommerzieller Natur werden nicht veröffentlicht.

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von uns im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder weiter gegeben.

Weitere Informationen zum Datenschutz bei alles-lausitz.de finden Sie hier.