Görlitz, Kultur

Schlesische Trachten sind im Kommen

von Frank-Uwe Michel – 30.01.2010

Traditionspflege wird in der Region groß geschrieben, das Niederschlesische zwischen Görlitz und Niesky gepflegt. Doch wo bekommt man passende Trachten her? Bei Dimiter Stoykow! Der gebürtige Bulgare hat ein bewegtes Leben hinter sich.

Wenn es ganz schnell gehen muss, entsteht eine Tracht bei Dimiter Stoykow „über Nacht“. In der Regel dauert es aber ein wenig länger, ehe zueinander passende Stoffe, Knöpfe und Accessoires zusammengestellt sind.

Wenn es ganz schnell gehen muss, entsteht eine Tracht bei Dimiter Stoykow „über Nacht“. In der Regel dauert es aber ein wenig länger, ehe zueinander passende Stoffe, Knöpfe und Accessoires zusammengestellt sind.

Görlitz. Rein äußerlich ist das Ladengeschäft in der Nr. 18 auf der Nonnenstraße recht unscheinbar. Vielleicht gar nicht belegt, könnte man vermuten. Doch wer nach dem Öffnen der Tür hinein gebeten wird, betritt das „Reich“ von Dimiter Stoykow. In den Regalen liegen die unterschiedlichsten Stoffe, über Bügeln hängen ein paar halbfertige Trachtenjacken. In der Ecke steht eine Nähmaschine, auf dem Tisch liegt ein dickes Buch mit Abbildungen von Trachten aus europäischen Regionen und Ländern. „Hier sind natürlich auch Niederschlesier drin“, weiß der 60-Jährige, den es Ende der 1980er in die Neißestadt verschlagen hat.

Stoykow kommt aus einer Stadt am Schwarzen Meer. „Dort bin ich aufgewachsen und habe meine ersten Schritte im Beruf gemacht.“ Aber nicht als Schneider. Stoykow war Schwimmer, Tänzer, bekam eine Stelle beim Ballett. Oft schnitt und nähte er sich die Kostüme dafür selber.

Nach Auftritten in Griechenland, Spanien, Russland kam der begabte junge Mann auch in die DDR. Hier wurde er in Dresden engagiert, spürte als 35-Jähriger jedoch das Ende seiner Tanzkarriere nahen. Auf Vermittlung der DDR-Oberen hängte er schließlich noch fünf Jahre im Görlitzer Theater dran. Dann war dieser Abschnitt seines Lebens jedoch endgültig vorbei. „Für mich kam das natürlich nicht überraschend, die biologische Uhr tickt eben unaufhörlich.“

Originalgetreue schlesische Trachten. Dimiter Stoykow verfügt über reichlich Anschauungsmaterial, um den Wünschen der Traditionspflege zu entsprechen.

Originalgetreue schlesische Trachten. Dimiter Stoykow verfügt über reichlich Anschauungsmaterial, um den Wünschen der Traditionspflege zu entsprechen.

Deshalb wechselte Stoykow in einen anderen Beruf, den er als junger Mann in Bulgarien studiert hatte: Architekt. Nebenher schneiderte er fleißig weiter – für seine Familie, Freunde, jeden der etwas wollte. In einem europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb wurde er zu einem der besten Hobbyschneider gekürt. „Da stand für mich fest: Ich würde diese Leidenschaft zu meinem neuen Beruf machen.“

Wieder setzte sich Dimiter Stoykow auf die Schulbank, machte seinen Schneidermeister und absolvierte ein Studium zum Diplom-Modedesigner. Seit der Jahrtausendwende betreibt der Bulgare seine eigene kleine Werkstatt, hat sich auf die Herstellung von Trachten und historischen Kostümen spezialisiert. „Folklore fand ich schon immer interessant, deshalb legte ich mir viele Bücher zu diesem Thema zu.“

Das grundlegende Aussehen der Tracht ist in der Literatur zu finden. Die individuelle Anfertigung richtet sich aber auch nach der persönlichen Ausstrahlung des Trägers, nach seiner Figur und eventuellen Designwünschen.

Das grundlegende Aussehen der Tracht ist in der Literatur zu finden. Die individuelle Anfertigung richtet sich aber auch nach der persönlichen Ausstrahlung des Trägers, nach seiner Figur und eventuellen Designwünschen.

Vor allem zum Altstadtfest sind die Dienste des Schneiders und Designers gefragt. „Stil und Zeit müssen natürlich stimmen. Doch es gibt figurbedingte Nuancen, die man selbstverständlich anpassen kann. Bei manchen Dingen kommt es auch auf die persönliche Ausstrahlung an“, erläutert er das Prinzip der Trachtenherstellung.
Um möglichst authentisch zu wirken, verwendet der Fachmann ausschließlich hochwertige, natürliche, zum Großteil handgewebte Stoffe. Kord und Leinen werden eingesetzt, auch Wildseide, Baumwolle und Stoffe aus Brennesselfasern. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, erklärt Stoykow überzeugt und weist im Computer auf das Bestellsystem einer Spezialfirma, die Knöpfe aus Horn, Metall oder Kokosnuss im Angebot hat. „Das braucht man alles, will man Trachten einigermaßen originalgetreu fertigen.“

Den großen Boom der Niederschlesien-Traditionalisten aus der Region um Görlitz und Niesky hat er zwar noch nicht erlebt, rechnet aber mit Zuwachs in der nächsten Zeit. „Es entwickelt sich. Dass ich den Leuten helfen kann, muss sich natürlich erst noch herumsprechen.“

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