Bischofswerda, Nachrichten
Fische wandern einfach durch
von Uwe Menschner – 8.02.2010Fische haben es nicht einfach. Oftmals stellen sich ihnen auf ihren nassen Wanderwegen Hindernisse entgegen, die sich nur schwer überwinden lassen. Zumeist wurden diese von Menschen errichtet, die den Gewässerablauf regulieren oder mithilfe der Wasserkraft Energie erzeugen wollen.

Dieses von Klaus Petrasch präsentierte „Trockenmodell“ zeigt, wie sich das Kraftwerk in die Landschaft einfügen könnte.
Schmölln. Auch heute ist dieses Thema noch aktuell – schließlich gilt Wasserkraft als umweltfreundliche und saubere Energie. Ihrer Gewinnung steht jedoch das Bestreben entgegen, den Fischen in ihren natürlichen Lebensräumen ein möglichst ungehindertes Fortkommen zu ermöglichen. Bis 2015 müssen nach der entsprechenden EU-Richtlinie alle Fließgewässer barrierefrei sein.
Ein Interessenskonflikt, für den es schon bald eine neue Lösung geben könnte. Der Schmöllner Ingenieur und Energieberater Klaus Petrasch hat gemeinsam mit Studenten der Hochschule Zittau-Görlitz sowie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden eine neuartige Fischwanderhilfe entwickelt, die sich von wandernden Fischen und anderen Wasserbewohnern mühelos überwinden lässt. Im Vergleich zu herkömmlichen Fischtreppen erfordert es nur geringe Eingriffe in den natürlichen Wasserlauf und bringt zudem einen ganz konkreten finanziellen Nutzen.
Neuartige Ideen entstehen oftmals bei der Beobachtung von ganz alltäglichen Vorgängen. „Wenn man den Stöpsel aus der Badewanne zieht, dann bildet sich ein Strudel. Das Wasser gerät in eine spiralförmige Bewegung, es entsteht Energie. Diese könnte man nutzen, wenn man eine Turbine von oben in den Strudel hineinsetzt“, überlegte Klaus Petrasch. Im Internet stieß der Schmöllner Ingenieur auf einen Österreicher, der bereits auf diese Idee gekommen war, und setzte sich mit ihm in Verbindung: „Allerdings kam keine nachhaltige Zusammenarbeit zu Stande. Ich wollte das Projekt jedoch nicht sterben lassen und tüftelte weiter daran.“ Vor allem kam es Klaus Petrasch darauf an, seine Anlage so zu gestalten, dass es kein Hindernis für Fische darstellt. Dieser Nachweis, so wurde ihm von Seiten der Sächsischen Fischereibehörde klar gemacht, sei auch die Voraussetzung, um eine Pilotanlage errichten zu können.

Stefanie Schindler setzt mit dem Kescher die „Modellfische“ ein, Patrick Pasold, Guido Keuchel und Annemarie Sömmer (v.l.) nehmen die Fischwanderhilfe in Betrieb.
Klaus Petrasch schrieb sein Projekt als Praktikumsthema an der Hochschule Zittau-Görlitz aus und stieß auf Interesse. So gelang es ihm die Studenten Stefanie Schindler, Patrick Pasold und Guido Keuchel als Mitstreiter ins Boot zu holen. Die Aufgaben ließen sich entsprechend der jeweiligen Studienrichtung klar verteilen: Während sich Stefanie um die landschaftlich-ökologischen Aspekte der neuartigen Anlage kümmerte und Patrick die erforderlichen strömungstechnischen Berechnungen anstellte, befasste sich Guido mit der Gestaltung der Turbine. Annemarie Sömmer von der HTW Dresden schließlich komplettierte als angehende Bauingenieurin das kleine Team und zeichnete für die Statik verantwortlich. Das Bürogebäude an der Tröbigauer Straße, in dem Klaus Petraschs Energieberatung ihren Sitz hat, wurde zur Technologieschmiede.
Vor wenigen Tagen nun konnte das in aufwändiger Handarbeit entstandene Modell des künftigen „Fischfreundlichen Wehrs“ präsentiert werden. Es besteht aus einem kreisrunden Becken, in das von oben eine Turbinenwelle mit vier Antriebsschaufeln hineinragt. Sobald eine bestimmte Wassermenge eingeströmt ist, setzt sich die Welle in Bewegung und kann Strom erzeugen. Die Schaufeln lassen einen ausreichend breiten Zwischenraum, sodass Fische ungehindert hindurchschwimmen können. „Sie folgen dabei ganz natürlich der Wasserströmung“, weiß Klaus Petrasch.
„An Stellen, wo in natürlichen Gewässern stärkere Strömungen herrschen, ist das Wasser besonders nähr- und sauerstoffreich. Fische bevorzugen diese Plätze.“ Die „Modellfische“ überwanden das Kraftwerk bei der Präsentation problemlos und unbeschadet.
Natürlich, darüber ist sich Klaus Petrasch im Klaren, kann ein solches Modell das tatsächliche Verhalten der Fische nur sehr grob abbilden. „Jetzt müssen wir über die Modellphase hinauskommen und eine Pilotanlage an einem natürlichen Gewässer installieren“, betont er. Vonseiten der Fischereibehörde sei ihm signalisiert worden, dass dem aus ihrer Sicht keine wesentlichen Bedenken mehr entgegenstünden. Der Ingenieur hat eine entsprechende Förderung beantragt und sucht nunmehr nach einem geeigneten Standort. „Die Erzeugung von Wasserkraft und die Fischwanderung müssen künftig keine Gegensätze mehr sein“, zeigt er sich vom Erfolg seiner Entwicklung überzeugt.

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