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Gabriele Krone-Schmalz sagt "Narrativen" den Kampf an

Gabriele Krone-Schmalz sagt "Narrativen" den Kampf an

Gabriele Krone-Schmalz war auch von der Schönheit Görlitzs angetan. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Die Eiszeit zwischen Russland und dem Westen hat Prof. Gabriele Krone-Schmalz auf Einladung der Volkshochschule Görlitz im Gerhart-Hauptmann-Theater analysiert. Außer medialer Kritik an russischen „Narrativen“ gab es faktisch nur Wohlwollen.

Görlitz. Volkshochschuldirektor Mike Gloge betonte, dass die Veranstaltung schon seit Wochen ausverkauft war. Und auch im Oberrang schaute sich Intendant Daniel Morgenroth nicht nach Reaktionen in seinem Umfeld um, sondern applaudierte geradezu ostentativ selbstbestimmt. Vielleicht hatte die einstige ARD-Moskau-Korrespondentin das Publikum gerade deswegen schnell hinter sich, weil sie beklagte, mit Narrativen, würde die ganze Gesellschaft kriegsbereit gemacht. Till Scholtz-Knobloch traf sie tags darauf zum Interview mit ihr.

Es gab nach Ihrem Vortrag stehende Ovationen. War das für Sie gleich das Signal – hier bin ich im Osten Deutschlands?

Gabriele Krone-Schmalz: Stehende Ovationen passieren öfter, trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen dem Publikum im Westen und im Osten. Das liegt einfach an der anderen Sozialisation.

Menschen aus der ehemaligen DDR haben einen anderen Erfahrungshintergrund und ein anderes Verständnis was Umgestaltungsprozesse in der Gesellschaft betrifft. Ich meine das nicht böse, aber im Westen laufen viele noch mit der Nase nach oben herum und sagen: ‚Wir wissen wie es geht.‘ Grundsätzlich habe ich aber den Eindruck, dass nicht nur bei öffentlichen Veranstaltungen, bei denen man ja eher davon ausgehen kann, dass Menschen gezielt zu mir kommen, weil sie meine Analysen teilen, sondern auch bei geschlossenen Veranstaltungen mit größerer Meinungsbandbreite, ein Stimmungswandel erkennbar ist. Und noch etwas: Nach meinem Eindruck ist die Stimmung in der Bevölkerung im breiten Umfang anders als in der sogenannten ‚veröffentlichen Meinung‘. Die Sorge ist groß, die Skepsis und das Unverständnis darüber, dass Diplomatie bis vor kurzem quasi noch als Verrat angesehen wurde und man jetzt durch die Politik von Donald Trump völlig ins Schlingern kommt.

Die Möglichkeiten ins Gespräch mit Russland und überhaupt mit Russen ins Gespräch zu kommen, sind schwieriger geworden, schon weil Reisen nach Russland so kompliziert geworden sind…

Gabriele Krone-Schmalz: … was ich auch als eine Unverschämtheit empfinde, dass man von Deutschland nicht mehr direkt nach Russland fliegen kann. Mit welchem Recht? Üblich ist nun der Umweg über Istanbul, über Dubai soll es bequemer aber doppelt so teuer sein.

Wie bekommen Sie das für sich in den Griff? Denn die Frage stellt sich ja nun auch, was kommt bei dem Durch-schnittsrussen heute über Deutschland an?

Gabriele Krone-Schmalz: Ich war das letzte Mal vor Corona in Russland und plane für dieses Jahr eine Reise. Tja, was kommt beim Durchschnittsrussen an? Das, was bei meinen nach wie vor intensiven Kontakten angekommen ist, ist eine große Enttäuschung, eine Art Verbitterung. Am schmerzlichsten wird empfunden, dass Menschen, die sich frühzeitig für eine Normalisierung der Beziehungen zum Westen ausgesprochen haben – und das ist nach dem, was Deutschland und die Sowjetunion historisch hinter sich haben besonders bitter – sich jetzt von anderen sagen lassen müssen: ‚Wir haben dir doch von Anfang an gesagt, dass es sich nicht lohnt. Die ziehen dich nur über den Tisch.‘

Ich habe in bestimmten Kreisen in Russland den Eindruck, dass dieser Vorzug, den Deutsche genossen haben – Stichwort Seelenverwandtschaft –, dass das etwas verloren gehen könnte, weil es heißt, auf Augenhöhe sind wir in Washington doch besser aufgehoben als in Berlin – was ist denn da überhaupt los? – und in Brüssel sowieso. Trotzdem wundere ich mich, dass es nicht schlimmer ist, denn man könnte sich ja auch weigern, überhaupt noch auf uns zu schauen. Und die Hoffnung, dass sich da etwas normalisiert, ist immer noch in einer Weise vorhanden, mit der man eigentlich kaum rechnen kann.

Also ist die kulturelle Achtung noch sehr hoch?

Gabriele Krone-Schmalz: Die kulturelle Achtung ist ein gutes Stichwort. Diese wird ja landläufig unterschätzt. Wenn irgendwo gekürzt wird, heißt es schnell, Kultur ist nicht so wichtig. Die Dinge, die uns verbinden – ob Musik oder Literatur – bilden doch eine stabilere Basis als manche politischen Entscheidungsträger wahrhaben wollen.

Wir sind hier an der Grenze zu Polen, das in weiten Teilen der Öffentlichkeit von Rachegelüsten gegenüber Russland erfasst ist. Und die Ukraine ist letztlich auch nur das historische Produkt der einstigen Ostgrenze Polen-Litauens, die historisch eine Abspaltung der ukrainischen Sprache vom Russischen bewirkt hat.

Gabriele Krone-Schmalz: Wenn man auf die Landkarte schaut, könnte man sagen: Frankreich, Deutschland, Polen – wunderbar, da gibt es gemeinsame Interessen. Das Problem stellt sich aber anders dar. Die Osterweiterung der EU ist im Prinzip eine super Idee. Ich meine nur festgestellt zu haben – um es ganz vorsichtig auszudrücken –, dass sich durch die neuen EU-Mitglieder Polen und die baltischen Staaten die Politik der EU gegenüber Russland fundamental geändert hat.

Der Fehler besteht aus meiner Sicht darin, dass man in Brüssel zugelassen hat, dass diese Länder das Sagen in der europäischen Außenpolitik gegenüber Russland übernommen haben. Ausgerechnet diejenigen, die aus menschlich verständlichen Gründen noch ein Hühnchen zu rupfen haben, um es einmal platt zu formulieren. Klar muss man verstehen, dass Moskau für Polen und die baltischen Staaten immer noch ein Synonym für Sowjetunion ist und schlimmer Erinnerungen an frühere Zeiten, aber das ist keine Basis für eine zukunftsorientierte Friedenspolitik. Das hätte man eigentlich in Brüssel merken und dem Einhalt gebieten müssen. Das Gegenteil ist passiert. Und es lag ja durchaus auch im Interesse der USA, dass dies so lief – ein kaum noch zu reparierender Fehler.

Redaktion / 06.04.2025

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